Pädagogisches Konzept unter neurobiologischen Gesichtspunkten

Unter wissenschaftlicher Begleitung durch das Leibniz Institut für Neurobiologie in Magdeburg wollen wir den frühkindlichen Lernprozess besser verstehen lernen. In den nachfolgenden Absätzen erläutern Prof. Dr. Henning Scheich und Dr. Angela Kolodziej, was hinter der Little Giants Forschungskindertagessstätte steckt.

Pädagogisches Konzept unter neurobiologischen Gesichtspunkten

Das Gehirn ist das Organ unseres Körpers, das in wesentlichen Zügen unsere Persönlichkeit bestimmt. Es ist Sitz des Bewusstseins, und es lenkt unser Denken und Handeln. Aufgrund dieser Eigenschaften sind es letztlich Merkmale des Gehirns, die den Lebensweg des individuellen Menschen bestimmen. Deshalb ist es in jeder Hinsicht lohnenswert, sich die Frage zu stellen: Was führt zur Reifung des Gehirns? Das Gehirn ist ein Organ, das auf die Verarbeitung von Informationen spezialisiert ist, und inzwischen ist klar: Das Gehirn benötigt Informationen aus der Umwelt, um eben diese Rolle dauerhaft auszufüllen. Die anatomische Struktur des Nervenzellnetzwerkes ist genetisch vorgegeben und wird in der vorgeburtlichen Entwicklung umgesetzt, spätestens jedoch nach der Geburt sind diese Strukturen auf detaillierte Umwelteinflüsse angewiesen, um ihre Funktion zu übernehmen! Ein plastisches Beispiel liefert die Entwicklung der Sehrinde, des Hirnareals, das auf die Verarbeitung von optischen Informationen spezialisiert ist. Es ist heute unumstritten, dass die Seheindrücke der ersten L-benstage essentiell für dessen Ausbildung sind. Fehlen diese beispielsweise aufgrund einer angeborenen Trübung der Augenlinse, kann dieses "Versäumnis" auch durch größte ärztliche Bemühungen nicht wieder ausgeglichen werden.

Dieses Beispiel belegt ein ganz grundlegendes Prinzip, das der Entwicklung des Gehirns zugrunde liegt: Das an-fänglich noch unspezifische -lose System neuronaler Verbindungen wird anhand von zahllosen Testläufen geprüft, korrigiert und stabilisiert – das Gehirn reift. Integraler Bestandteil dieser Testläufe sind kontinuierliche Wechselwirkungen mit der Umwelt, und hieraus leitet sich der rote Faden für unser ‚hirnorientiertes‘ pädagogi-sches Konzept ab: Der Wert vielfältigster frühkindlicher Erfahrungen muss in seiner ganzen Reichweite verstan-den und berücksichtigt sein.

Die Hirnforschung belegt: Erfahrungen der frühen Kindheit legen den Grundstein für die spätere körperliche, intellektuell, emotionale und soziale Entwicklung

Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Ausbleiben bestimmter Außeninformationen beziehungsweise deren Reichhaltigkeit Auswirkungen auf die später erzielten Hirnleistungen hat. Dabei ist die effiziente Wirkung dieser Außeninformationen an bestimmte Zeitfenster in der Entwicklung gebunden, sogenannte sensi-tive Phasen. Es gibt Hinweise darauf, dass sich viele Schaltkreise des Gehirns, vor allem die Sinnessysteme, aber auch die vor allem für uns Menschen so bedeutsamen Sprachregionen, innerhalb der ersten 4 bis 6 Lebensjah-re optimieren. Eine schlechte Nutzung dieser sensitiven Phasen hat typischerweise erst später in einer Zeit höherer Leistungsanforderungen erkennbare Defizite zur Folge, Ursache und Wirkung sind also zeitlich getrennt. Dies liegt möglicherweise darin begründet, dass neuronale Netzwerke aufeinander aufbauend optimiert werden, sodass frühe "Webfehler" im weiteren Verlauf der Gehirnentwicklung auch die Reifung anderer Strukturen beeinträchtigen. Aus diesen allgemeinen Betrachtungen lässt sich ein zentrales Ziel für die frühe Förde-rung von Kindern ableiten: Die Lebenswelt des Kindes sollte ein (altersgemäß) vielseitiges Angebot an Informa-tionen und Erfahrungen beinhalten, um das genetisch festgelegte individuelle Profil jedes Kindes auszuschöpfen.

Zentrales Ziel unserer Frühförderung: Die Lebenswelt des Kindes soll ein (altersgemäß) vielseitiges Angebot an Informationen und Erfahrungen beinhalten, um das genetisch festgelegte individuelle Profil jedes Kindes auszuschöpfen.

Neben der Förderung gesunder Kinder versuchen wir, bekannte Schwächen Einzelner in der Hirnleistung, seien sie angeboren oder durch Erkrankung entstanden, durch sehr frühe und gezielte Förderung zu verringern oder durch das Erarbeiten alternativer Verhaltensmuster zu kompensieren. Dies kann deshalb insbesondere in der frühen Kindheit erreicht werden, weil hier das plastische Potenzial von Nervenzellnetzen noch besonders hoch ist. Diese Fähigkeit zur Reorganisation schränkt sich im Verlauf der Hirnreifung dramatisch ein. Der hohe Anspruch unserer Konzeption ist es, den aktuellen Erkenntnisstand der Neurowissenschaften alltags-tauglich in die Praxis unseres Kindergartens einzubeziehen. Bei der Umsetzung dieses Prinzips soll die Kommunikation mit dem einzelnen kleinen Menschen im Mittelpunkt unserer Bemühungen stehen, und wir halten uns an das Vorbild, dass das Gehirn selbst uns gibt: Wir wollen jeden Tag aufs Neue prüfen, korrigieren und optimie-ren, um unser Konzept weiter reifen zu lassen und an diejenigen anzupassen um die es uns geht: Unsere Kinder.

Autoren: Prof. Dr. Henning Scheich, Dr. Angela Kolodziej (Leibniz Institut für Neurobiologie, Magdeburg)